14. Weiterbildung Supervision

Burckhardt Haus
Gellnhausen

Der Einstieg in die Supervision

 

Betrachtungen aus verschiedenen Blickwinkeln

mit Schwerpunkt auf dem szenischen Verstehen

 

von

Mathias Schmeichel

im Juli 1996


Inhalt 1. Vorbemerkungen
2. Definition des Einstiegs
3. Bedeutung des Einstiegs für die Supervision
3.1. Formale und strukturelle Aspekte
3.2. Die ungewöhnliche Situation
3.3. Das Vergrößerungsglas
3.4. Das pars pro toto Prinzip
4. Informationsmaterial des Einstiegs - Sammeln und Verknüpfen von Daten
5. Das Szenische Verstehen
5.1. Eine Einführung
5.2. Die Inszenierung des Einstiegs als Machtkampf - zwei Fallstudien
Fall 1
  
  Fall 2          
5.3. Einzelteile ergeben ein Bild   - Interaktionsmuster bei Lorenzer
5.4. Die Situation spricht für sich - auch Schweigen kann deutlich reden
5.5. Das Arrangement des Einstiegs als Szene
Literatur
Anmerkungen

1. Vorbemerkungen         zurück zum Inhalt

Das Interesse an diesem Thema wurde durch meine beginnende Supervisorenpraxis geweckt, konkret durch meine beiden ersten Einzelsupervisionen. Bei beiden Einstiegen hatte ich das Gefühl, daß etwas Seltsames, Ungewöhnliches präsent war, was in dieser Unbestimmtheit für mich zwar deutlich spürbar, jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht in seiner Komplexität verstehbar war. Der Zugang zu einem tieferen Verständnis dieser Einstiegsszenen, und damit aber auch die Möglichkeit, sie bereits zu einem früheren Zeitpunkt entsprechend für meine Supervision zu verwerten, war mir bei meinen ersten Einzelprozessen noch zum Teil verwehrt.

Ich führe dies auf die Tatsache zurück, selbst eine Einstiegssituation durchlebt zu haben, nämlich die in meine Supervisoren - Tätigkeit schlechthin. Da ich dabei selbstverständlich auch den im folgenden beschriebenen Zusammenhängen unterlag, war ich viel zu sehr mit meinen eigenen Anteilen (wie Ängsten, Unsicherheiten, Ansprüchen....) beschäftigt, um die im Einstieg meiner Supervisanden(1)  bereits reichhaltig vorhandenen unbewußten Informationen entsprechend zu deuten und zu verwerten. Das Faszinierende dabei war jedoch, mit fortschreitendem Supervisionsprozeß festzustellen, daß das sich teilweise mühsam zu erarbeitende, eigentliche oder zentrale Supervisions - Thema bereits überdeutlich im Einstieg präsent war, ja ihn geradezu bestimmte. Manchmal erst durch Hinweise oder Aufarbeitung in der Lehrsupervision, erhielten einige von mir noch unsicher vermutete Deutungszusammenhänge dabei eine Evidenz, welche den weiteren Supervisionsverlauf positiv beeinflußte und zu späterem Zeitpunkt von beiden Supervisanden angesprochen und bestätigt werden konnte.

In der Literatur wird dieses Phänomen mehrfach deutlich benannt wobei der folgende Satz von Christa Oursin wohl das kompakteste Komprimat darstellt: "Es ist (im Einstieg Anm. des Verfassers) nicht ‘alles klar’, sondern ‘alles da’..."(2).

Motiviert, mich mit diesem Thema eingehender auseinanderzusetzen, wurde es zu meinem Anliegen, diesen reichhaltigen Schatz an Informationen für den Supervisionsprozeß frühzeitiger verwertbar zu machen. Oder anders ausgedrückt: der Einstieg bezeichnet nicht nur den Beginn einer gemeinsamen Arbeit, vielmehr kommt ihm eine zentrale Bedeutung als wichtigem Bestandteil des gesamten Prozesses zu. Somit beginnt diagnostisches Arbeiten bereits mit der ersten Kontaktaufnahme. Hier ist der erste Ansatzpunkt für Verknüpfungen von den darauf folgenden Botschaften und Eindrücken.

Kurzes Vorstellen meiner Fälle(3)

Uta war meine erste Supervisandin. Sie war damals Anfang 30, als Sozialpädagogin seit einem ¾ Jahr bei einem überregional organisierten Träger angestellt und dabei für die Durchführung von ABH Maßnahmen(4) zuständig. Im Verlauf ihres beruflichen Werdegangs war dies ihre zweite Stelle, nachdem sie einen hochbezahlten Job als Ausbildungsleiterin bei Kaufhof wegen Differenzen mit ihrem Chef gekündigt hatte.

Herr Walther ist Jurist, ich schätze ihn auf Mitte 40, und inzwischen als Rechtsanwalt und Inhaber einer eigenen Kanzlei tätig, in welcher er noch weitere 3-4 MitarbeiterInnen beschäftigt. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst 15 Jahre als Staatsanwalt, bis er sich entschloß, daß von ihm nicht geliebte Beamtenleben gegen die Selbständigkeit einzutauschen. Mit Herrn Walther fand noch keine Supervisionssitzung statt, bislang einigten wir uns lediglich auf einen Kontrakt und terminierten die erste Sitzung Mitte August.

Die Arbeit mit Uta wurde Anfang des Jahres abgeschlossen. Damit bewege ich mich, was ihren Fall anbelangt, bei all meinen Interpretationen und Betrachtungsweisen auf recht sicherem, durch den Prozeßverlauf verifiziertem Boden. Im Fall von Herrn Walther habe ich jedoch gerade erst den Einstieg (so wie ich ihn im nächsten Punkt definieren werde) abgeschlossen. Dieses Fallmaterial einzubringen hat für mich einen besonderen Reiz, da viele meiner Ausführungen derzeit noch hypothetisch oder prognostisch bleiben müssen. Wenn auch in diesem Zusammenhang häufiger das Wort Evidenz auftaucht, so steht es dafür, daß ich inzwischen etwas mutiger zu mir und meinen Wahrnehmungen stehe und versuche, diesen Einstieg entsprechend meiner Möglichkeiten etwas besser für den weiteren Supervisionsverlauf zu nutzen. Es ist ein wenig wie ein erster Schritt auf eben gefrorenes Eis, der damit die Arbeit für mich sehr spannend und auch sehr authentisch werden läßt, mit all den Risiken, bei Deutungen auch einmal völlig daneben zu liegen.


2.     Definition des Einstiegs            zurück zum Inhalt

Als Einstieg möchte ich in vorliegender Arbeit jene Phase eines Supervisionsprozesses bezeichnen, die mit der ersten zur Supervision gehörenden Kontaktaufnahme beginnt und mit dem konkreten Abschluß eines Kontraktes endet. Üblicherweise wird diese Phase mit dem Ende des sogenannten Kontraktgespräches abgeschlossen sein, wobei es für meine Betrachtungsweise keine Rolle spielt, ob dieses Gespräch als Bestandteil der Akquisition unentgeltlich gegeben wird, oder aber bereits als erste bezahlte Sitzung stattfindet. Ausschlaggebend soll die konkrete Vereinbarung sein, unter welchen Modalitäten sowohl inhaltlicher als auch formaler Art eine darauf folgende gemeinsame Arbeit beginnt.

Dabei lassen sich zwei Phasen benennen, das Vorfeld und das eigentliche Kontraktgespräch.

Unter Vorfeld bezeichne ich alles, was von der ersten Kontaktaufnahme bis zum eigentlichen Kontraktgespräch stattfindet. Während sich das Kontraktgespräch - in der psychoanalytischen Literatur meist Erstinterview genannt - klar zeitlich und inhaltlich begrenzen und benennen läßt, ist das Vorfeld manchmal nicht immer so genau abzustecken.

Im Normalfall wird die erste Kontaktaufname in Sachen Supervision wohl telefonisch erfolgen. Wenn sich die Gesprächspartner vorher noch nicht kannten, ist damit der Zeitpunkt des Einstieges klar definiert.

Schwieriger wird es, wenn sich Supervisor und Supervisand bereits aus anderen Bezügen kennen. Die vor der supervisorischen Kontaktaufnahme bereits vorhandenen gegenseitigen Informationen werden sich aus dem Einstiegsmaterial natürlich nicht heraustrennen lassen und ihn dadurch ebenfalls mitbestimmen. Je nach Einzelfall kann dabei die Gefahr bestehen, daß sich der Einstieg etwas diffuser gestaltet, und es schwerer wird, alle erhaltenen Informationen zu differenzieren. Im Extremfall konstelliert sich eine Kontextvermischung, die supervisorisches Arbeiten unmöglich macht.


3.    Bedeutung des Einstiegs für die Supervision            zurück zum Inhalt

3.1. Formale und strukturelle Aspekte

Die erste, zunächst recht profane Bedeutung des Einstiegs liegt im gegenseitigen Kennenlernen. In der Regel wird die erste Kontaktaufnahme telefonisch erfolgen, wobei überwiegend ‘harte’ Daten im Sinne manifester Informationen ausgetauscht werden. Manchmal wird das Supervisionsanliegen bereits schon dabei zum Gegenstand, zumindest ist der Startschuß für ein gegenseitiges Abtasten gefallen.

Zu Beginn des Kontraktgespräches werden sehr schnell, und oft auch unbewußt ablaufend, die ersten visuellen Eindrücke gerastert, wie Kleidung, Habitus, Räumlichkeiten oder äußeres Erscheinungsbild. Die Frage nach gegenseitiger Sympathie oder aber Antipathie wird in die Entscheidung münden müssen, ob man es sich vorstellen kann, eine gemeinsame Arbeit zu beginnen. Dann wird in diesem Gespräch der Rahmen für das weitere Vorgehen abgesteckt werden müssen. Die Fragen nach dem Setting, der Prozeßdauer, der Sitzungsintervalle und letztlich auch nach dem Honorar münden in den dann für beide verbindlichen Kontrakt. Dabei ist die Form dieses Kontraktes unwichtig, nach Oursin stellt er kein vom Supervisor vorgegebenes Fertigprodukt dar, vielmehr sollen gemeinsame Überlegungen zu klaren Vereinbarungen führen.(5)

Diese Übereinkunft stellt entscheidend die Weichen für den weiteren Verlauf, für ein erstes Anvisieren von Richtung und Ziel des gemeinsamen Weges.


3.2. Die ungewöhnliche Situation            zurück zum Inhalt

Argelander beschreibt das Kontraktgespräch(6) als ungewöhnliche Situation. Der klar abgesteckte äußere Rahmen mit seiner Zeitbegrenzung und all den anderen Settingsvereinbarungen stellt dabei nur einen von mehreren Aspekten dar. Bereits vor der ersten Kontaktaufnahme hat im Supervisanden eine Reihe von Entscheidungsprozessen stattgefunden. Da wurde zunächst die Frage geklärt, ob und warum ich mir zum jetzigen Zeitpunkt von außen Impulse holen möchte, und wieviel mich dieses Vorgehen kosten(7) darf. Hier können die unterschiedlichsten Gründe vorliegen, das Spektrum kann von einem hohen persönlichen Leidensdruck bis hin zur dienstlich "verordneten" Supervision reichen. Eine weitere Vorentscheidung war die Frage, bei wem möchte ich mich auf Supervision einlassen, gab es dabei Empfehlungen, welche Bedeutung wurde ihnen beigemessen. Auch wenn sich der Einstieg (wie ich im folgenden noch zeigen möchte) auf andere Weise konstellieren kann, geht ihm im Normalfall eine Entscheidung voraus, sich in der Rolle des Bedürftigen von einem anderen Unterstützung zu holen, dem dann dabei auch entsprechende Kompetenzen zugewiesen werden. Auch wenn sich der Supervisor mit seiner Gesamtpersönlichkeit als Gegenüber präsentiert, ist es doch zunächst Sache des Supervisanden, sich zu zeigen, sein Supervisionsanliegen offen zu legen. Ängste, Unsicherheiten, vielleicht auch Scham, müssen ggf. erst mühsam überwunden werden, bevor es überhaupt zu einem ersten Schritt kommt. All dies schafft einen Erwartungshintergrund, der in den Erstkontakt mitgebracht wird und der den ‘Vergrößerungsglas - Effekt’ des nächsten Punktes maßgeblich mitbewirkt.

Das ‘Ungewöhnliche’ dieser Begegnung möchte ich mit meinen Worten als ‘psychisch aufgeladene Situation’ beschreiben.


3.3. Das Vergrößerungsglas             zurück zum Inhalt

"Die Unsicherheiten der Anfangssituation lassen Hoffnungen und Ängste wie unter einem Vergrößerungsglas erscheinen. In dem Bemühen, unsichere Situationen sicherer zu machen, greifen wir auf vertraute Muster zurück. Darin treten unser Potential, unsere Möglichkeiten und auch unsere Einschränkungen sehr viel deutlicher hervor als in den gewohnten, bekannten Situationen."(8)

Dieses Zitat beschreibt treffend und komprimiert den Beginn einer neuen Szene, es wird ein Stück Neuland betreten. Neuland, in dem es noch keine vertrauten Strukturen gibt, noch keine Sicherheiten. Die Situation wird dominiert von unseren Erwartungen und Vorstellungen, diese wiederum hauptsächlich von unseren bislang gemachten Erfahrungen. Als Supervisand muß ich dabei den berühmten ersten Schritt aufs Eis tun, ich hoffe, aber ich weiß noch nicht, ob es mich trägt. In Verbindung mit der oben hergeleiteten ‘psychisch aufgeladenen Situation’ gewinnt der Einstieg hiermit eine einzigartige Brisanz, welche es gerade der psychoanalytisch orientierten Supervision möglich macht, parallel zu allen formalen Abläufen, elementar wichtiges Diagnosematerial zu orten. Diese Unsicherheit zwischen Hoffnung und Angst läßt uns unbewußt unser Repertoire an Situationsbewältigungsmustern abspulen und es tritt dabei wesentlich deutlicher als sonst hervor, da es sich um eine besonders dichte, eben um eine ‘besondere Situation’ handelt. All die Überlegungen und inneren Auseinandersetzungen, die bereits vor dem ersten Schritt der Kontaktaufnahme durchgespielt, vielleicht sogar innerlich durchgekämpft werden mußten, werden teils offengelegt, teils unbewußt mitgebracht. Und sie werden in diesem Erstkontakt auf irgendeine Art und Weise ihren Weg finden, sich Gehör zu verschaffen. Alice Miller meint dazu, daß ein Supervisand gar keine andere Möglichkeit hat, seine Geschichte anders zu erzählen, als genau in der Weise, wie er es tut.(9)

Bislang beleuchtete der Fokus mehr die Perspektive aus der Sichtweise des Supervisanden. Aber auch der Supervisor bringt seine Bandbreite an Erwartungen, Vorstellungen, Ängsten, Wünschen, Erfahrungen... etc. mit. Auch er wird von eigenen Mustern mitbestimmt. Oursin schreibt: "Der Erstkontakt ist ein komplexes Geschehen, in dem sich sowohl der Supervisand als auch die Supervisorin im Gegenüber zur Ansicht bringen."(10) Sie beschreibt damit das unbewußte Oszillieren zwischen den beiden Gegenübern.

In Verbindung mit den o.g. Ausführungen liegt darin das Einzigartige des Einstiegs, was ihm letztlich seine für die Diagnostik herausragende Bedeutung verleiht. Auf diesem Nährboden unbewußter Mitteilungsbereitschaft sind die Wurzeln für ein Verstehen der Einstiegs-Szene gegründet.


3.4. Das pars pro toto Prinzip             zurück zum Inhalt

Andreas Benz hat mit diesem Prinzip m.E. die wesentlichste Bedeutung des Einstiegs beschrieben. "Es besagt, daß in jedem Teilstück die wesentlichen Organisationsmerkmale und Strukturen des Ganzen enthalten sind."(11) Das Bild vom Ozean im Tropfen oder aber der genetische Fingerabdruck illustrieren beide diesen Zusammenhang. Aus ganz winzigen Mengen einer Substanz lassen sich eindeutige Rückschlüsse auf Herkunft, Zusammensetzung des dazu gehörenden Ganzen schließen. Mit zunehmender Supervisionserfahrung kann dabei bereits der kleine Ausschnitt des Erstkontaktes aussagekräftiges Material über wesentliche Eigenschaften des Supervisanden, wie Charakterzüge, die Art der Kontaktaufnahme oder aber seine Konfliktneigungen... etc. liefern. Eine Parallele zu diesen Gedanken findet sich bei den Interaktionsmustern von Lorenzer, auf die ich später eingehen werde.

Benz benennt diesen Zusammenhang auch ‘holistisches Prinzip’. Jeder weiß, daß die Spitze des Eisberges eben nur ein ganz kleiner, nämlich der sichtbare Teil des Ganzen ist. Und doch wird der große, darunter liegende Teil, in der Wahrnehmung unmittelbar dazu ergänzt.

Da der Eisberg auch als Bild für bewußte und unbewußte Anteile verwendet wird, läßt sich dieses Prinzip auch als Erklärungsmodell für das unbewußte Kommunizieren zwischen Supervisor und Supervisand anführen. In der gemeinsamen Begegnung wird weitaus mehr voneinander wahrgenommen, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle auch noch das ‘teleskopische Prinzip’(12) erwähnt. Es besagt, daß sichtbar gewordene Muster sich nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch auf einer Zeitachse in der Biographie wiederfinden. Im Punkt 5.3. wird dies am Fallbeispiel von Herrn Walther nochmals verdeutlicht.


4. Das Informationsmaterial des Einstiegs             zurück zum Inhalt

Sammeln und Verknüpfen von Daten

Bereits mit dem ersten Kontakt, der ersten Begegnung, beginnt ein Beobachten, ein Registrieren und ein Einordnen von Daten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, möchte ich an diesem Punkt einige Aspekte herausgreifen.

Ich möchte versuchen, anhand von folgenden Begriffspaaren eine Art strukturelles Gerippe aufzuzeigen, an welchem die im Einstieg gewonnenen Informationen festgemacht werden können.

Mit zunehmender Supervisionspraxis wird sich dabei wahrscheinlich ein Verschieben dieser Aspekte einstellen. Denkbar bzw. wünschenswert wäre dabei, die angefallene Datenfülle nicht im nachhinein einer bestehenden Struktur zuzuordnen, sondern das im folgenden ausgeführte Strukturgerippe als verinnerlichtes Handwerkszeug parat zu haben. Dabei wird es den Verlauf des Einstiegs bereits maßgeblich mitprägen, nämlich in der Art und Weise, daß das Augenmerk beim Sondieren dieser Informationen bereits solchen Strukturen folgt.

Die Begriffspaare sollen lauten: latente und manifeste Informationen, logisches und psychologisches Verstehen (bei Lorenzer) und letztlich objektive und subjektive Informationen (bei Argelander). Sowohl Lorenzer als auch Argelander fügen ihren Ausführungen noch die szenischen Informationen hinzu, die hier nur angerissen werden, da ihnen ein eigener Punkt in vorliegender Arbeit gewidmet ist.

Latente und manifeste Informationen

Dieses Begriffspaar setzte ich als bekannt voraus. Anmerken möchte ich lediglich, daß ich den latenten Informationen auch die Aspekte des unbewußt inszenierten Geschehens zuordnen möchte. Das Vergessen von Terminen, zu spätes oder zu frühes Erscheinen, das Nicht - Auffinden eines Büros... etc. werden somit in besonderer Weise zu einstiegsrelevanten Daten.

Logisches und psychologisches Verstehen bei Lorenzer

Nach Lorenzer ist das logische Verstehen als das Verstehen des Gesagten, des Gesprochenen anzusehen, während das psychologische Verstehen auf das Verstehen der sprechenden Person abzielt.

Wie ich gleich zeigen werde, ist diese Einteilung eher theoretisch, denn in der Praxis werden sich die Aspekte zwangsläufig überlappen und aufeinander aufbauen. Zunächst werden beim logischen Verstehen die reinen Mitteilungen des Supervisanden erfaßt. Auf die spezielle Art und Weise, wie und welche Themen dabei ausgewählt und angesprochen werden lassen sich Rückschlüsse auf den Sprecher ziehen. Das Aneinanderreihen einzelner Sequenzen logisch verstandenen Materials wird vom Supervisor auf Zusammenhänge überprüft, wobei sich der sogenannte ‘rote Faden’ herausarbeiten läßt. An dieser Stelle werden somit die erhaltenen Informationen zu Mitteilungen des Supervisanden über sich. Das logische Verstehen mündet in ein Verstehen des Sprechers und wird dabei zum psychologischen Verstehen.

Noch deutlicher wird die Vermischung dieser beiden Verstehensweisen, wenn es um emotionale Inhalte geht. Wird z.B. eine traurige Stimmung vermittelt, so kann diese zwar nacherlebend begriffen werden (entspricht logisch verstanden), in der Praxis wird sie jedoch unmittelbar in den Zusammenhang mit dem berichteten Erlebnis gesetzt und mit den anderen bereits erhaltenen Mitteilungen verknüpft. Dieses Nacherleben wäre dann wieder dem psychologischen Verstehen zuzuordnen. Nachdem sich die formale Zuordnung zur einen oder zur anderen Verstehensart in der Praxis ständig vermischt, spricht Lorenzer davon, daß sich eine Zwischenebene bildet, die er als Aussage über Erlebnisse benennt.

All dies wird durch den Wahrnehmungs- und Verarbeitungsfilter des Supervisors aufgenommen. Dabei werden die geschilderten Äußerungen zu den vermittelten Erlebnissen in Beziehung gesetzt, und während des Erzählens simultan auf Stimmigkeit überprüft. Paßt das nacherlebte Gefühl zur Schilderung des Erlebten, zur Mimik oder paßt die Intensität... etc.? Tauchen an dieser Stelle Brüche oder Unstimmigkeiten auf?

An dieser Stelle erscheint es mir sinnvoll den Weg aufzuzeigen, wie Lorenzer zum szenischen Verstehen gelangt. Er sucht die Sinnzusammenhänge zwischen den einzelnen gesprochenen Worten, verbalisierten Themen und den dabei zu Tage getretenen Emotionen, sowohl in dem, was das Gegenüber zum Ausdruck bringt, als auch in dem, was durch Übertragungsgeschehen beim Supervisor ausgelöst wird. Indem hier die Person des Supervisors mit ins Spiel kommt, stellt sich neben dem Verstehen der Person des Supervisanden eine weitere Ebene ein, die er mit psychoanalytischem Verstehen bezeichnet.

In der psychoanalytischen Theorie der Übertragung / Gegenübertragung haben wir stark vereinfacht folgende 3 Grundsituationen: 1. die aktuelle Situation, 2. die infantile Situation, 3. die Übertragungssituation. Lorenzer schreibt dazu, "tatsächlich haben wir nur die Verbindungslinie von diesen analytischen Einteilungen zu unserem Thema zu ziehen, um formulieren zu können: psychoanalytisches Verstehen ist im Verstehen der Situation zentriert." Dieses Verstehen wird von ihm im folgenden dann szenisches Verstehen genannt.

Nochmals in Abgrenzung: während beim psychologischen Verstehen das Nacherleben auf die Vorgänge im Gegenüber gerichtet ist, es dabei versucht, die Realität des Gegenübers zu erfassen, "so wendet sich das hier beschriebene Verstehen der Interaktion der Subjekte mit ihrer Mitwelt und Umwelt zu."(13)

Sinn erhält dieses Verstehen in der Bedeutung mit welcher Vorstellung Beziehungen realisiert werden, oder mit welchen Interaktionsmustern sie inszeniert werden.

Die Informationsebenen bei Argelander

1. objektive Informationen

Gemeint sind hiermit nach Argelander vor allem nachprüfbare Tatsachen, Fakten, biographische Angaben. Hauptkennzeichen dieser Informationen ist der objektiv nachprüfbare Informationsgehalt. Auf dem Hintergrund eines profunden Fachwissens können aus diesen Daten durchaus schlüssige Interpretationen kombiniert werden. Diese können dabei einen hohen Zuverlässigkeitsgrad erlangen, je nachdem, wie überzeugend eine logische Kombinationsfähigkeit erlernt wurde. Diese Daten vermitteln intellektuelle Einsichten, schematisieren dabei jedoch die Persönlichkeit. Nachteil dieser Informationsquelle ist ihre Vieldeutigkeit, die der Individualität des Gegenübers nicht gerecht wird.

2. subjektive Informationen

Bei diesen Informationen kommt es nicht mehr auf einen so großen Zuverlässigkeitsgehalt mehr an, ihr Wert liegt mehr in der Bedeutung , welche der Supervisand ihnen beimißt. Das Erschließen dieser Daten ist ein gemeinsamer Prozeß, das Hauptwahrnehmungsinstrument dieser Informationen beruht auf dem gekonnten Umgang mit dem Gegenüber. Während der dabei gewonnene Informationsgehalt sehr eindeutig ist, fällt die objektive Überprüfbarkeit jedoch schwer. Argelander spricht hier von einer situativ gewonnenen Evidenz aus der prägnanten Übereinstimmung zwischen den erhaltenen Informationen und dem Geschehen der Situation. Die hierbei gewonnenen Einsichten haben für den folgenden Supervisionsverlauf hohen Wert.

3. szenische oder situative Informationen

Argelander grenzt die szenischen von den subjektiven Informationen durch eine bedeutungsvolle Akzentverschiebung ab.

Bei den subjektiven Informationen stehen noch die berichteten Daten im Vordergrund, denen der Supervisand seine subjektive Bedeutung verleiht. Erst in zweiter Linie werden diese Daten mit dem aktuellen Geschehen der ablaufenden Situation in Verbindung gebracht. Bei der szenischen Information geht es zunächst ausschließlich um den Erlebnisgehalt der sich abzeichnenden Situation, mit all den dabei ablaufenden Gefühlen, Widersprüchen oder Vorstellungen(14), auch (oder gerade!) wenn der Supervisand dabei längere Zeit schweigen sollte. Als sekundärer Akt erfolgt dann das Einsortieren, bzw. das Herstellen des Zusammenhangs mit den bereits erhaltenen Daten. Wie bei den subjektiven Informationen läßt sich die Evidenz aus der Situation als solcher ableiten. Argelander nennt sie hier "szenische Evidenz".

"Die Zuverlässigkeit des gewonnenen Persönlichkeitsbildes .... wächst mit der Integration der Informationen aus allen drei Quellen"(15), in der Regel aber erst mit fortlaufendem Supervisionsprozeß.


5. Das szenische Verstehen             zurück zum Inhalt

5.1. Eine Einführung

Wie die Ausführungen des vorherigen Punktes zeigten, ist das szenische Verstehen ein ganz wesentlicher Bestandteil einer psychoanalytisch orientierten Supervision. Das Hauptgewicht erhält es, wie der Name schon sagt, im Erfassen, im Verstehen von Sinnzusammenhängen. Damit wird es unter anderem auch zu einem wertvollen Diagnoseinstrument.

Das szenische Verstehen ist nicht von dem psychoanalytischem Kernpunkt der Übertragung / Gegenübertragung zu trennen, was bei der Herleitung nach Lorenzer deutlich zum Ausdruck kommt. Die von ihm dabei beschriebenen Interaktionsmuster haben bei näherer Betrachtung häufig eine infantile Subjekt - Objekt - Beziehung als Wurzel. Speziell an diesem Punkt zeigt sich eine Gefahr, wenn die eigentlich für die psychoanalytische Therapie erarbeitetet Theoriegrundlage in falscher Weise auf die Supervision übertragen wird. Die Aufarbeitung solcher infantilen Wurzeln von Interaktionsmustern via Förderung der Regression sollte nicht Bestandteil der Supervision werden, sondern der Analyse vorbehalten bleiben. Als Supervisoren entleihen wir quasi einige Werkzeuge aus diesem Methodenkoffer und stehen häufig vor der Frage, wie und in welchem Umfang wir therapeutische "basics" in unserer eigenen Supervisionspraxis integrieren.

Das szenische Verstehen möchte ich zum besseren Verständnis in drei Untergruppen einteilen, die sich in der Praxis freilich stark überlappen. Der Ausdruck ‘Drei Variationen des gleichen Themas’ wäre somit ebenfalls angemessen.

Im Punkt 5.3. liegt der Schwerpunkt der Betrachtungsweise auf dem von Lorenzer geprägten Begriff des Interaktionsmusters. An dieser Stelle läßt sich wohl am besten ein Bogen vom szenischen Verstehen zu den Ausführungen von A. Benz schlagen, wenn er sein ‘holistisches, bzw. pars pro toto - sowie sein teleskopisches Prinzip’ beschreibt.

Der Punkt 5.4. rückt mehr die sich im Hier und Jetzt abzeichnende aktuelle Situation in den Mittelpunkt. Dabei möchte ich mich überwiegend auf die Ausführungen von Argelander beziehen, welcher szenisches Verstehen dabei vorwiegend mit latenten Informationen sowie dem sich dabei abbildenden Übertragungs- und Gegenübertragungsgeschehen verknüpft.

Als letzte Variation möchte ich den Symbolgehalt des gesamten Einstiegs(16) als das unbewußte Arrangement einer Szene aufgreifen. In vielen Fällen wurde dabei sogar das eigentliche Supervisionsthema inszeniert, was ich, wie in den Vorbemerkungen bereits erwähnt, aus meiner eigenen Praxis bestätigen kann. Daher möchte ich diese Ausführungen am Fallbeispiel Uta verdeutlichen. In den Artikeln von Oursin und Benz wird dieser Blickwickel szenischen Verstehens ebenfalls aufgegriffen und ist dort m.E. auch am besten auf die Supervision zu übertragen.

Die beiden folgenden Fallstudien sollen zum einen die supervisorische Verwertbarkeit dieser Sichtweisen verdeutlichen, zum anderen dienen sie als Anschauungsmaterial für die darauf folgenden Ausarbeitungen.


5.2. Die Inszenierung des Einstiegs als Machtkampf       zwei Fallstudien            zurück zum Inhalt

Fall 1: Uta

Der Kampf um die Rolle    -   Supervisor oder Kumpel?

Abschließende Bemerkungen aus der Retroperspektive

Den Weg in die Supervision, wie es Oursin nennt, erlebte ich zweifelsfrei als einen heftig tobenden Machtkampf. Irgendwie ahnte ich es, daß es sich dabei auch um ein Einstiegsmuster von Uta handeln mußte, war jedoch als Anfänger noch nicht in der Lage, aus diesem reichhaltigen Material die entsprechenden diagnostischen Verknüpfungen zu erstellen, oder eben ein ausgeprägtes szenisches Verständnis zu entwickeln. Zu sehr war ich noch auf mein eigenes Reagieren fixiert.


Fall 2: Herr Walther             zurück zum Inhalt   

ich will - ich will nicht - ich will nicht so
Widerstand als unbewußtes Agieren von Macht

5.3. Einzelteile ergeben ein Bild            zurück zum Inhalt

Interaktionsmuster bei Lorenzer

Szenisches Verstehen nach Lorenzer ist in erster Linie ein Erkennen von Interaktionsmustern. Dabei handelt es sich um Wiederholungen oder Neuauflagen von früher erlernten Beziehungsgestaltungen. Wenn diese Muster infantile Wurzeln haben, werden sie irgendwann als Wesensbestandteile verinnerlicht und prägen dann auch charakterliche Eigenschaften. Dies alles ist einer in einem solchen Muster agierenden Person in der Regel nicht bewußt.

Wie schon beschrieben, ist es gerade im Einstieg besonders wahrscheinlich, daß sich der Supervisand in irgendeiner Form mit diesen, seinen persönlichen Eigenarten zeigt. Entsprechend dem pars pro toto Prinzip genügt dabei ein kleiner Ausschnitt. In der Supervision gibt es nun hauptsächlich zwei Ebenen, die Existenz eines solchen Interaktionsmusters zu orten. Die erste folgt einem eher rational beobachtenden Weg. Bei den Schilderungen des Supervisanden wird das Augenmerk auf markante, sich auffällig wiederholende Sequenzen oder Situationen gerichtet. Diese können sich im Hier und Jetzt in verschiedenen Arbeits- oder Lebensbereichen abzeichnen, oder aber im Laufe der biographischen Entwicklung (vgl. teleskopisches Prinzip). Die zweite Ebene verknüpft diese Zusammenhänge mit dem situativen Erleben des Supervisors. In meinem folgenden Beispiel möchte ich beschreiben, wie sich ein solches Muster auch in der Beziehung Supervisand - Supervisor widerspiegelt, bzw. es in der Supervision zur Szene(18) werden läßt.

Ich greife auf das Fallbeispiel mit Herrn Walther zurück und möchte dabei versuchen die von mir beobachteten Interaktionsmuster zu beschreiben:

  1. Es fällt Herrn Walther zunächst schwer, mein Büro als Settingsort zu akzeptieren, er wehrt sich jedoch nur verhalten, besteht aber auf einer Zeitverschiebung
  2. Die Bemerkung mit dem Spieß umdrehen zeigt, daß er seine Interessen durchsetzen möchte, es auch kann. Er weiß, wie man sich in einer Situation behaupten kann.
  3. Im Verlauf seiner weiteren Ausführungen schilderte Herr Walther eine Fülle an biographischem Material.
    So mußte er sich energisch gegen seinen Arbeitgeber durchsetzen, als er sich als Anwalt selbständig machen wollte. Seine Interessen konnte er nur im Rahmen einer gerichtlichen Auseinandersetzung durchfechten.
  4. Als seine Kanzlei expandiert, erwirbt er relativ kurz hintereinander zwei weitere Kanzleien, die räumlich jedoch weit auseinander liegen. Es kommt jedoch nacheinander in beiden neu erworbenen Kanzleien zum Scheitern, auch diese Konflikte mußten gerichtlich geregelt werden, es stehen immer noch Zahlungen zu seinen Gunsten aus. Dabei erwähnt er in auffallend knapper Form, daß er im einen Fall Opfer von Unterschlagungen geworden sei, im anderen Fall gab es eine heftige Auseinandersetzung mit dem Leiter der Kanzlei.
  5. Er schildert seinen Vater als einen sehr korrekten ‘Beamten aus Überzeugung’, was zunächst seine Laufbahn als Staatsanwalt erklärt. Gleichzeitig betonte er, mit verschwindend geringen Ausnahmen als Beamter keinen einzigen glücklichen Arbeitstag erlebt zu haben. Er ist sehr froh, den Absprung aus diesem Milieu geschafft zu haben.

Wenn wir die o.g. Interaktionsmuster auf ihre gemeinsamen Auffälligkeiten, auf den ‘roten Faden’ hin untersuchen, könnte ein Rückschluß etwa wie folgt lauten:

Herr Walther kommt auffallend oft in Situationen, in denen er seine Interessen mit Macht durchsetzen muß. Die Gerichtsprozesse zeigen, daß eine ‘normale’ Einigung (Konfliktlösung) offensichtlich nicht möglich war. Er kennt die Waffen des Kampfes und weiß sie zu gebrauchen (vgl. Spieß wird umgedreht). Die ungeliebte Vaterbotschaft, ‘werde ein guter Beamter’, konnte ebenfalls mit viel Aufwand, aber dennoch zurückgelassen werden.

Soweit die eher rationalen Folgerungen. Da ich mit meiner Person als Supervisor während unserem Einstieg ebenfalls in seine Machtkämpfe involviert war, entwickelte sich bei mir ein szenisches Verständnis unserer Begegnung. Als Supervisor nahm ich durch Übertragung an seinem Interaktionsmuster teil, konnte in meinem eigenen Befinden ein unbehagliches Gefühl orten, wurde zum Mitagieren veranlaßt, war somit letztlich mitten in der Interaktionsszene drin.

Ein psychoanalytische Verstehen könnte versuchsweise so formuliert werden: Herr Walther bekommt Schwierigkeiten, wenn sein Gegenüber in der Rolle einer Autorität erscheint. Vater, Arbeitgeber, Kanzleichef und Supervisor sind hierfür die Beispiele. Von Autoritäten geht für ihn eine Bedrohung aus, werden Ängste ausgelöst. Er muß sich mächtig wehren, und unter großem Einsatz läßt sich hier etwas gewinnen. Unter dem Vorbehalt, daß dabei nicht die Grenzen zur Therapie überschritten werden, könnte es möglicherweise in diesem Supervisionsprozeß wichtig werden, sich die Vaterbeziehung von Herrn Walther etwas genauer anzuschauen. Die bislang in den Interaktionsmustern deutlich gewordene szenische Evidenz legt die Vermutung nahe, daß die Bedeutung dieses Musters auch von Herrn Walther erkannt werden könnte, wenn sich die einzelnen Szenen als Doubletten einer infantilen Situation verstehen ließen(19).


5.4. Die Situation spricht für sich            zurück zum Inhalt

auch Schweigen kann deutlich reden

In meinen beiden dargestellten Fällen kann ich während der Einstiege nicht auf eine für diese Aspekte geeignete Sequenz zurückgreifen. Im Fall Uta dient eine Szene aus der 2. Sitzung möglicherweise am besten zur Illustration.

Uta schildert eine Unterrichtsstunde, in welcher sie einer Gärtnerin, Azubi im 3. Lehrjahr, entsprechenden Lernstoff beibringen, bzw. mit ihr aufarbeiten möchte. Sie schildert ausgesprochen detailliert, wie sie diesem Mädchen den Lernstoff didaktisch vorbereitet, von verschiedenen Seiten beleuchtet, und danach auch noch sicherstellen will, daß die Gärtnerin nicht etwa diesen Stoff lediglich auswendig lernt, sondern ihn auch dahingehend begriffen hat, daß sie ihn ggf. auch auf andere Anwendungsbereiche transferieren kann. Die Gärtnerin, zu der sie ein gutes Verhältnis hat, macht längere Zeit motiviert mit, stellt dann fest, daß sie diesen Ansprüchen offensichtlich nicht genügen kann und verweigert sich schließlich, indem sie ohne ein weiteres Wort mehr zu sagen, ihren Kopf in den verschränkten Armen versenkt. Uta ist enttäuscht von diesem Mädchen und deutet diese Reaktion als ausgesprochen trotzig.

Soweit die Schilderung von Uta. Parallel dazu spielt sich in meinem Büro folgende Szene ab: Uta stellt sich als Nachhilfelehrerin dar, welche ihr Metier nicht einfach nur beherrscht, sie kann didaktische Variationen scheinbar spielerisch brillant präsentieren. Während sie dies tut sitzt sie aufrecht auf dem Sofa und vermittelt mir einen Eindruck von Stärke und Souveränität. Ich bemerke bei mir, wie anfänglicher Respekt einer fast neidischen Bewunderung weicht, und möglicherweise in konkordanter Gegenübertragung mit der Gärtnerin, fühle ich mich von so viel Kompetenz erschlagen, klein und verglichen mit ihr wertlos, die Möglichkeit, ihren Ansprüchen zu genügen scheint in weiter Ferne zu liegen. In der darauf folgenden kurzen Schweigepause empfinde ich Scham darüber, nicht zu genügen. Auf meine darauf folgenden Intervention, "ob sie sich einmal in die auf ihren verschränkten Armen liegende Gärtnerin hineinversetzen möchte", folgt eine sehr lange Schweigepause. Peinlichkeit und Scham werden als Emotionen für mich fast zum Greifen spürbar. Mit deutlich bewegter Stimme bricht Uta das Schweigen: "ich glaube, sie muß sich klein und dumm vorkommen". Im darauf folgenden Schritt konnte die Scham verbalisiert werden, was Uta einen neuen Zugang, eine neue Sichtweise für ihre Gärtnerin ermöglichte.

Dieses Beispiel soll zeigen, wie erst durch das Verstehen der Situation, der Supervisandin der Zugang zum eigentlichen Thema der Stunde gelang. Die im Punkt 4. erwähnten objektiven Informationen ergeben klar und deutlich den Rahmen, in welchem sich diese Nachhilfestunde abgespielt hat. Mit Fokus auf die subjektiven Informationen wird nach Argelander nun der Blick auf den Bedeutungsgehalt dieser Informationen gelenkt. Die Supervisandin ist davon überzeugt, eine hervorragende Arbeit geleistet zu haben und erwartet nun auch den Erfolg, bzw. als Ergebnis dieser Leistung entsprechende Fortschritte bei ihrer Schülerin. Sie hat schließlich mehr als genug dazu beigetragen, daß der Lernstoff für die Gärtnerin verständlich wird. Da sie auch noch von einer guten Beziehung zu dieser Schülerin spricht, wird sie letztlich sauer, sieht ihr Engagement nicht gewürdigt und deutet ihrerseits die Verweigerung des Mädchens als Trotz, somit als Attacke gegen sich, gegen ihre doch bislang gute Beziehung.

Die Situation in der Supervisionssitzung stellte sich jedoch gänzlich anders dar, so daß der von ihr vermittelte subjektive Bedeutungsgehalt nicht durch ein Evidenzerlebnis abgesichert werden konnte. Der dabei erlebte Bruch kam zustande, weil durch mich als Supervisor sowohl in der Gegenübertragung als auch im Erfassen der sich gerade abspielenden Situation völlig andere Inhalte erlebt wurden, als sie die Supervisandin verbal vermittelte. Erst durch das szenische Verstehen dieser Situation wurde der eigentliche Kern, das eigentliche Thema herausgearbeitet(20). Ich möchte dabei auf die von Argelander beschriebene Akzentverschiebung zurückgreifen. Nun stehen nicht mehr die subjektiven, sondern die situativen Informationen im Vordergrund, und dabei steht eine große, übermächtig brillante Uta vor einem immer kleiner werdenden Gegenüber. Die dabei abgelaufenen Gefühle und Vorstellungen ergaben einen so deutlichen szenischen Aussagegehalt, daß die bei der szenischen Information nur sekundär zu berücksichtigenden subjektiven Informationen in diesem Fall sogar widerlegt wurden. Durch eine nur relativ kleine Intervention, konnte der Supervisandin die Möglichkeit eröffnet werden, ihren Fokus von ihren eigenen, in ihrer Erinnerung gespeicherten Vorstellung, auf das sich gerade im Hier und Jetzt abzeichnende Erleben zu richten. Indem sie dieses szenische Verstehen nachvollziehen konnte, wurden die zunächst nur unbewußt vorhandenen Inhalte auch für sie szenisch evident.

Das szenische Verstehen von Situationen trägt die Züge des Einmaligen, es ist nicht wiederholbar und somit auch nicht empirisch überprüfbar. Dennoch waren für uns beide die Erkenntnisse aus der beschriebenen Sequenz derart fundamental gesichert, daß im Verlauf des weiteren Supervisionsprozesses mehrfach darauf zurückgegriffen und darauf aufgebaut wurde. Der empirischen Überprüfbarkeit entzieht sich auch die dabei angewendete Methode, denn "das Instrument der Wahrnehmung ist einzig und allein die Persönlichkeit des Interviewers, eingesetzt und abgestimmt auf das unbewußte Beziehungsfeld mit dem Patienten (Supervisanden, Anm. des Verfassers)"(21).


5.5. Das Arrangement des Einstiegs als Szene             zurück zum Inhalt

Als Anschauungsmaterial für diesen Punkt dient mir das Fallbeispiel Uta. Welche Szene bei unserem außergewöhnlichen Einstieg symbolisiert wurde geht m.E. aus den bereits dargestellten Ausführungen sehr deutlich hervor. Es wird wohl niemanden verwundern, daß das Thema ‘Machtkampf’ in all seinen Schattierungen das dominierende Thema unseres Supervisionsprozesses wurde.

Bei dieser letzten Sichtweise oder Variation des Szenischen Verstehens liegt der Schwerpunkt auf dem Symbolgehalt des Arrangements. Wenn ich die Aspekte der ‘ungewöhnlichen Situation’ und des ‘Vergrößerungsglases’ zusammenfasse, komme ich zu dem Ergebnis, daß Uta bei ihrer Entscheidung, sich auf eine Supervision einzulassen, unter großem unbewußten psychischen Druck geriet. Sie lebte in dem Spannungsfeld, ihrer Bedürftigkeit nachzugeben, etwas für sich tun zu wollen, doch gleichzeitig löste dies massive Ängste aus. Die Rolle der Bedürftigen war ihr fremd. Da sich das Unbewußte einen Weg bahnen wollte, konstellierte sich unbewußt das beschriebene Einstiegsarrangement und ließ eine ganze Palette von Interaktionsmustern zu Tage treten.

Ich möchte nun aus dem Rückblick auf einen beendeten Prozeß einige Supervisionsthemen beleuchten, die nach Oursin bereits im Anfang da waren, jedoch mir als Supervisor erst später klarer wurden.

Literaturverzeichnis

Argelander, Hermann: Das Erstinterview in der Psychotherapie

Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 1970

Lorenzer, Alfred: Sprachzerstörung und Rekonstruktion

Frankfurt (Suhrkamp)1973

Miller, Alice Das Drama des begabten Kindes

Frankfurt (Suhrkamp) 1979

Benz, Andreas: Augenblicke verändern mehr als die Zeit

Zürich (in Psyche Heft 7 S. 577 - 601) 1988

Oursin, Christa: Die Bedeutung des Erstkontaktes für die Supervision

Gelnhausen (in Materialien - Supervision als angewandte Psychoanalyse) 1992  

                 zurück zum Inhalt                 © Mathias Schmeichel 1996

 

Anmerkungen

1

 

entsprechend dem Sinn des Kontextes sind in dieser Arbeit immer beide Geschlechter gemeint, zugunsten einer besseren Lesbarkeit werde ich jeweils nur die männliche Form verwenden    zurück
2

 

Zit. aus Oursin S.13     zurück
3

 

alle auftauchenden Namen sind geändert    zurück
4

 

ABH = aubildungsbegleitende Hilfen, arbeitsamtsfinanzierte Fördermaßnahmen, werden durch die Berufsberatung vermittelt    zurück
5

 

vgl. Oursin S. 9    zurück
6

 

wird bei Argelander Erstinterview genannt    zurück
7

 

gemeint ist sowohl finanzieller, zeitlicher als auch psychischer Aufwand    zurück
8

 

Zit. aus Oursin S.9     zurück
9

 

frei nach Miller, aaO. S. 128    zurück


10

 

Zit. aus Oursin S.9     zurück
11

 

Zit. aus Benz S. 579     zurück
12

 

vgl. Benz S. 582    zurück
13

 

Zit. aus Lorenzer S.141     zurück
14

 

was wird im Supervisor ausgelöst, Aspekte der Gegenübertragung    zurück
15

 

Zit. aus Argelander S.15     zurück
16

 

so wie ich ihn im Punkt 2. definiert habe    zurück
17

 

erst zu einem viel späteren Zeitpunkt erlangte ich Gewißheit, daß Uta’s unbewußte Motivation, sich auf Supervision einzulassen, wesentlich höher war, als sie bislang nach diesem Einstieg zu vermuten war    zurück
18

 

vgl. Szene Machtkampf in 5.2     zurück
19

 

vgl. Lorenzer S. 154     zurück
20

 

 

an diesem erwähnten Bruch in der Wahrnehmung ließen sich zu einem späteren Zeitpunkt noch andere Erkenntnisse herausarbeiten: die Umdeutung von Peinlichkeit in Trotz wurde zum einen als Abwehrmechanismus der eigenen Minderwertigkeit und Scham erkannt, der unterstellte Trotz als projektiver Anteil eigener infantiler Reaktionsmuster auf Ansprüche, die als überhöht erlebt wurden.    zurück
21

 

Zit. aus Argelander S. 14     zurück

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